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  • BFC Dynamo, 03. Juli 2008

     
    „Erst einmal kann jeder Fan froh sein, wenn es in seinem Verein weiter geht“

    Rainer Lüdtke, alias ‚RaiLue’, dürfte vielen als Fanbeauftragter des BFC Dynamo bekannt sein. Der mittlerweile 46-jährige Wirtschaftskaufmann ist seit Juni 2003 in unserem Forum registriert und verfasste in dieser Zeit vor allem Beiträge zu seinem weinroten-weißen Verein. Was er in den 33 Jahren, in denen er zum Fußball geht, so alles erlabt hat, steht in seinen Antworten auf unsere Fragen.

    Rainer, wie ist Deine Leidenschaft für den Fußball entstanden und wer hat Dich eigentlich zum Fußball gebracht?

    Lange ist es her. Erst mit 13 Jahren besuchte ich mein erstes Fußballspiel. Das war das Pokalendspiel Dynamo Dresden gegen Sachsenring Zwickau am 14. Juni 1975. Das Spiel gewann Sachsenring Zwickau mit 6:5 nach Elfmeterschießen. Das Stadion war voll und mich beeindruckte die Stimmung der Fans. Das ich dieses Spiel überhaupt sah, verdanke ich Peter Prochnow, auch Hamster genannt. Er war über viele Jahre hinweg so eine Art Maskottchen der BFC Fans. Er erklärte mir damals, dass dieses Spiel für den BFC sehr wichtig sei, da die Dynamos noch in den Europapokal rutschen könnten, wenn Dynamo Dresden dieses Spiel gewinnen würde, was ja leider nicht der Fall war. Aber an diesem Tag war für mich klar, ich war heiß auf Fußball.

    Für welchen Verein schlägt Dein Herz und warum - was verbindet Dich mit Deinem Verein, wie und wann wurdest Du Fan?

    Mein Herz schlägt für den BFC Dynamo. Nachdem ich das genannte Pokalendspiel besuchte und mir gesagt wurde, dass der BFC Dynamo vom Ausgang dieses Endspiels profitieren könnte, nahm ich mir vor, diesen Verein zu besuchen. Das tat ich dann auch sofort in der anlaufenden Saison. Mein erstes Spiel meiner Dynamos war gegen Frankfurt/Oder 1975 und wurde mit 7:1 gewonnen. Ich lernte sofort Fans kennen, mit denen ich ab dann auch jedes Heimspiel besuchte. Für mich stand fest, hier bleibe ich und das ich nur fünf Minuten vom Stadion entfernt wohnte, hat sicher dazu beigetragen.

    Damals verband mich noch nicht sehr viel mit dem Verein, ich ging hin, jubelte und traf Freunde. Die Liebe zu diesem Verein wuchs erst in den darauf folgenden Jahren. Es war sicher der Erfolg, die Spieler und immer mehr die Freundschaften auf den Rängen. Wir waren nicht sehr viel, aber wir waren echte Freunde, die auch in der Freizeit vieles gemeinsam machten. Bereits zwei Jahre später war ich als BFC-Ordner tätig, dafür gab es etwas Geld und ich konnte auswärts kostenlos mitfahren. Somit war ich auch im direkten Vereinsleben integriert, besuchte Fanveranstaltungen und wurde ein Teil des Ganzen. Inzwischen bin ich als Fanbeauftragter natürlich noch näher am Verein. Ich habe inzwischen viele Höhen und Tiefen in meinem Dynamo-Leben miterlebt, viele Enttäuschungen aber auch geile Stunden waren dabei. Es waren aber gerade die schweren Stunden, in denen ich mich dem Verein kompromisslos auslieferte - ich machte in diesen Zeiten mehr als ich vertragen konnte: Pressesprecher, Mitgliederverwaltung, das Programmheft, Organisatorisches im Vereinsleben und andere Dinge. Aber gerade in diesen Zeiten zeigt man besonders, wie sehr man seinen Verein liebt. Und ich lebe diesen Verein noch heute 24 Stunden. Ich bin ehrlich, ich möchte nicht die Freundin von mir sein, denn das Privatleben leidet schon sehr darunter. Deshalb auch einmal ein Dank an meine Freundin, die meine Arbeit beim BFC Dynamo mit lebt und mir sehr entgegenkommt.

    Welche Erinnerung hast Du noch von den ersten Spielen, was war das für Dich damals für ein Erlebnis?

    Aus 33 Jahre BFC Dynamo nehme ich natürlich sehr viele Erinnerungen mit. Die ersten Jahre beim BFC Dynamo prägten mich ziemlich. Wie bereits gesagt, ich lernte Freunde kennen, mit denen ich noch heute zum Verein gehe. Ich erinnere mich, dass wir als BFCer sehr gefährlich lebten, wir waren wenige Fans, wir waren verhasst und wurden gejagt, das vor allem bei den Auswärtsspielen. Das prägt natürlich. Ende der 70er Jahre änderte sich dies dann aber von heute auf morgen. Vom Gejagten wurden wir zum Jäger. Das sind Erinnerungen, die bleiben einfach im Kopf. Nie werde ich diesen Wechsel vergessen, der beim Derby gegen Union begann. Jahrelang bekamen wir die Kloppe von denen und mit einem Mal waren wir es, die nicht mehr weg rannten und hinter dem Block der Unioner standen. Ich sehe noch heute, wie verdutzt diese oben standen. Das sind Erinnerungen, die vergisst man nicht mehr.

    Wie zufrieden bist Du mit der aktuellen Leistung Deines Vereins, was lief in dieser Saison gut, was hätte besser klappen können?

    Mit dem Abschneiden der letzten Saison bin ich natürlich nicht zufrieden. Wenn vier Teams aufsteigen können und wir nicht dabei sind, haben wir einfach eine große Chance verpasst. Das Thema ist für mich aber erledigt. Warum dieses Team es nicht schaffte, hat sicherlich viele Ursachen. Es wurden Fehler gemacht, aus denen hoffentlich gelernt wurde/wird. Dennoch sehe ich den Trend beim BFC als eher positiv an. Das betrifft aber auch den Gesamtverein, von der Fanarbeit angefangen, über die Männerteams, dem Frauenteam, der Jugendabteilung bis hin zu den Strukturen im Verein. In den letzten Jahren wurde vieles einfach verpennt und vernachlässigt. Das in einem Jahr wieder gerade zurücken ist unmöglich und doch wurde vieles erreicht.

    Wie soll es in der nächsten Saison weitergehen, was erwartest Du von Deinem Verein und in welchen Bereichen sollte es besser laufen?

    Erst einmal kann jeder Fan froh sein, wenn es in seinem Verein weiter geht. So ein Fußballverein ist auch nur ein Wirtschaftsunternehmen und wie es darum gerade in den neuen Bundesländern steht, wissen ja alle. Es ist sehr schwer, auch einen Fünftligisten wirtschaftlich zu führen, vor allem wenn es in einer Großstadt sehr viele Möglichkeiten gibt, als Sponsor sein Geld anzulegen. Deshalb bin ich als Fan immer wieder froh, wenn mein eigener Verein auch nur den kleinsten Sponsor vorzeigen kann und es demzufolge weiter geht. Und weiter geht es bei uns, allerdings mit einem großen Umbruch. Elf Neuzugänge sagen alles aus, zumal es sich auch um Spieler handelt, die bisher in ihren Vereinen eine tragende Säule waren. Im Verein ist als Ziel ganz klar der Aufstieg definiert worden. Ich hoffe, dass in den sechs Wochen Vorbereitung eine Mannschaft zusammen wächst, die dieses Ziel dann vom ersten Spieltag an umsetzen möchte und kann. Ich hoffe, dass weiter an den vorhandenen Baustellen gearbeitet wird und der Verein Schritt für Schritt vorankommt.


    Rainer ‚RaiLue’ Lüdtke ist beim BFC Dynamo als Fanbeauftragter tätig.

    Was waren die schönsten und welches die erschütterndsten Erlebnisse mit Deinem Verein und anderen Fans?

    Schöne Momente hatte ich sehr viele, das war vor allem der erste Meistertitel und dem entscheidenden Tor von Norbert Trieloff gegen Dynamo Dresden. Das waren die Europapokalspiele, das war schon geil. Zu meinen schönen Erlebnissen gehört aber auch die Insolvenzbewältigung, die wir so ziemlich alleine schafften, ohne große Mithilfe von außen. Auch wenn die Zeit einfach beschissen war, so war es prägend und vor allem am Ende erfolgreich, deshalb zählt für mich der Oberligaaufstieg vor einigen Jahren mit zu den schönsten Erlebnissen.

    Aber auch erschütternde Erlebnisse gab es. Da war mein erstes Auswärtsspiel 1976 in Frankfurt/Oder. Wir kamen aus Frankfurt zurück, ein S-Bahnwaggon voll BFCer. Es stiegen nur fünf Unioner hinzu und nahmen uns allen sämtliches BFC Zeug ab. Sie gingen durch den Waggon, verteilten Backpfeifen und ruppten alles. Mir selbst brachen sie beide Arme, da ich meinen Schal festhielt. Dies habe ich nie vergessen. Und dann natürlich unsere Relegationsspiele, bzw. Aufstiegsrunden. Da flossen schon immer mal die Tränen. Auch die Insolvenz ließ mich als Fan ziemlich leiden.

    Was macht Dich zu einem echten Fußball-Fan, wie siehst Du andere Fans?

    Tja, was mach mich zu einem Fan. Gibt es da überhaupt eine Art Definition? Ich denke, einen Fan zeichnet unter anderem aus, wenn er sein Team in guten aber auch in schlechten Zeiten unterstützt. Zum Fan sein gehört für mich auch, Courage zu zeigen und auch mal auf andere zugehen, um ihnen zu sagen, das dies und das nicht geht. Ich denke, jeder ist für sich selbst irgendwie Fan und jeder definiert den anderen Fan eben anders. Ob man mich als echten oder unechten Fan sieht, ist mir so ziemlich egal. Ich für mich weiß, was ich bin und was ich tue. Respekt habe ich vor allen Fans, die Woche für Woche viel Geld für ihre Leidenschaft bezahlen.

    In den letzten Jahren kam im Fußball immer wieder das Thema ‚Gewalt und Rassismus’ auf. Wie sind Deine Erfahrungen zum Thema und wie siehst Du die Probleme zwischen Fans und Ordnungskräften?

    Ich verurteile Rassismus aufs schärfste, ich verurteile aber auch die Blindheit vieler Menschen, welche den Rassismus nur einseitig betrachten. Rassismus ist sehr vielfältig und kommt überall vor. Rassismus gibt es für mich nicht nur von rechts außen gesehen. Doch leider betrachtet man dies nicht, weil diese Art von Rassismus ebenso verurteilt werden muss. Auch wenn dieses Thema immer wieder polarisiert wird und es sicher auch richtig ist, bin ich dennoch der Meinung, dass hier immer wieder große Unterschiede im Sport gemacht werden. Für mich sind die Verbände nicht neutral genug, um über Vorfälle zu urteilen. So manches getroffene Urteil spottet jeder Beschreibung. Ich sage ganz klar, die Verbände sind sehr schlecht aufgestellt und hilflos. Am schlimmsten ist dann auch noch, dass jeder Landesverband unterschiedlich urteilt, bzw. reagiert. Und als Verband irgendwelche Aktionen zu planen, Transparente aufzuhängen, ist sicher lobenswert, jedoch nicht wirksam und vieles ist für mich sehr heuchlerisch.

    Wo fängt eigentlich Rassismus an? Wetten, dass es da sehr viele unterschiedliche Ansichten gibt? Über viele Jahre wurden wir mit ‚Juden Berlin’ empfangen, es saßen SED-Bonzen, Stasi später DFB, NOFV, BFV und was weiß ich im Stadion und niemanden hat es interessiert, was da geschrien wurde. Jetzt ist es aber als ganz schlimm eingestuft. Wenn ich über unseren ehemaligen Spieler Adeck Mba gesprochen habe und ihn ‚unsere schwarze Gazelle’ nannte, wurde mir auch schon gesagt, das ist rassistisch. Hä, geht es noch? Es wird immer eine Auslegungssache sein, was man als Rassismus bezeichnet. Solange dies so ist, wird es immer dieses Thema geben, leider.

    Zum Verhalten der Polizei möchte ich nicht viel sagen, aber der Trend, den jeder Fan beobachten kann, ist sehr besorgniserregend. Die Kriminalisierung von Fans hat inzwischen eine Stufe erreicht, wo ich mich hier frage, wo ist der demokratische Staat? Die Art und Weise, wie inzwischen mit Fans umgegangen wird, kann ich in keinster Weise unterstützen und es wird immer schwerer dagegen anzukommen. Ich möchte nicht sagen, dass Fans Engel sind, dem ist nicht immer so, das wissen wir alle und vor allem auch bei uns, beim BFC. Aber die Pauschalisierungen gehen mir auf den Sack. Wenn ich dann noch sehe, wie unterschiedlich in den jeweiligen Bundesländern gearbeitet wird, frage ich mich, ob hier oftmals auch persönliche Befindlichkeiten eine Rolle spielen. Ich hoffe sehr, dass die Fans zu sich finden und sich nicht alles gefallen lassen.

    Ein weiteres aktuelles Thema ist kommerzielle Entwicklung des Sports, wie stehst Du dazu?

    Scheiß Thema. Nehmen wir doch einmal das jüngste Beispiel: die Europameisterschaft. Da werden Public-Viewing-Zonen und Fanmeilen etabliert, dies wird nun zu Massenevents entwickelt. Ganze Stadtkerne werden zu Erlebnis- und Konsumzonen transformiert. Städte in denen die Spiele stattfinden, versuchen die Popularität des Fußballs aktiv für ihr Standortmarketing zu nutzen, während einige wenige private Veranstalter die Vermarktungsbedingungen vorgeben und dies dann zentral für die Werbung der Exklusivsponsoren nutzt. Und das schlimme daran ist aber noch der Umstand, dass gleichzeitig diese Massenveranstaltungen der Umsetzung der Überwachungs- und Kontrolldispositive in Form von Großeinsätzen von Polizei und Armee, umfangreiche Anti-Hooligan-Maßnahmen, welche auch oftmals unbescholtende Fans treffen, Absperrungen und Zugangskontrollen und der Erprobung neuer Überwachungstechnologien dienen. Der Fußball ist damit nur noch Mittel zum Zweck.

    In einigen Vereinen gibt es bereits ähnliche Trends, wo bleibt da der Fan? Kommt bald nur noch das Eventpublikum zu den Spielen? Um mich nicht falsch zu verstehen, möchte man höherklassig spielen, muss man sicherlich gewisse Kompromisse eingehen. Doch seine Seele verkaufen muss man sicherlich nicht.

    Bist Du von anderen Fangruppen beeindruckt – wenn ja, von welchen und warum?

    Jede Fangruppe ist beeindruckend und hat meinen Respekt. Ich habe zu vielen Fans anderer Vereine Kontakt. Jede Fangruppe hat ihre eigenen Vor- und Nachteile. Den einen mag man mehr und den anderen weniger. Für mich zählt in erster Linie der Fan, das Fansein. Auch wenn es Fangruppen gibt, wo ich persönlich eine gewisse Abneigung habe, achte ich diese trotzdem, aber auch nicht mehr.

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    Geschrieben von:  Stephan R.T.

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