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  • FC Energie Cottbus, 11. Februar 2008

     
    Inferno Cottbus im Gespräch

    Sie waren die zweite Fangruppierung, die je in Deutschland verboten wurde und haben durch diverse Aufsehen erregende Aktionen Fandeutschland polarisiert. Das ‚Inferno Cottbus ’99’ (IC) gehört definitiv zu den außergewöhnlichsten Gruppen Deutschlands. Im Interview mit die-fans.de sprachen die führenden Köpfe des Infernos u.a. über das Verhältnis zur übrigen Fanszene in Cottbus, ihren umstrittenen Ruf, ihren Nachwuchs und Repression im Allgemeinen:

    Das ‚Inferno Cottbus’ ist für Außenstehende eine recht undurchsichtige Gruppe. Erzählt doch bitte etwas zu Eurer Größe und Eurer Ausrichtung.

    Wir haben in etwa dreißig aktive Mitglieder, die ein absolut verschworener Haufen sind und momentan vor allem von dem einzigartigen Zusammenhalt leben. Im Stadion und drum herum ist es deutlich ruhiger um uns geworden, da wir auf den Ablauf der Stadionverbote warten, die einen Großteil der Gruppe betreffen.

    Nach dem ‚Scenario Fanatico’ von Borussia Mönchengladbach wart ihr erst die zweite Gruppe, die in Deutschland offiziell verboten wurde. Wie kam es anno 2002 dazu?

    Dazu muss man ein wenig weiter ausholen, denn es gibt da etwas, das von der öffentlichen Berichterstattung bisher nicht beachtet wurde. Wir hatten zum Spiel gegen Hertha BSC eine Choreographie angemeldet, die auch vom Verein genehmigt wurde. Wir malten wochenlang an der 40 Meter langen Blockfahne. Das mussten wir aufgrund der enormen Ausmaße in einer zugigen Lagerhalle machen. Viele von uns wurden in den langen Nächten krank beim Malen. Auch der finanzielle Aufwand war erheblich.

    Die Blockfahne zeigte die brennende Skyline der Stadt Berlin und davor einen Mob mit der Fahne des Inferno Cottbus in den Händen. Als wir damit am Stadion ankamen, wollte plötzlich niemand der Verantwortlichen etwas von der Fahne wissen und man verlangte doch allen Ernstes, dass wir die Blockfahne vor dem Block auslegen sollen. Das war aufgrund der Ausmaße schlichtweg unmöglich, das Teil war so schwer, dass es über fünf Leute tragen mussten. Also einigte man sich einen Teil zu entrollen. Leider war es genau der Teil, der das brennende Berlin zeigte und so wurde die Blockfahne kurzerhand vom Sicherheitschef verboten. Weitere Verhandlungen mit ihm folgten und man einigte sich darauf, den Teil, auf dem man die brennende Stadt sieht, weg zu schneiden. Das haben wir zähneknirschend getan, schon damals gab es viele interne Diskussionen, ob man sich dem beugen solle. Als wir fertig waren und damit endlich ins Stadion wollten, rückte der Sicherheitsbeauftragte wieder von seiner Zusage ab und verbot die Fahne letztendlich komplett.

    Wir waren so wütend über diese Entscheidung, denn all das Geld und die vielen Strapazen, die in der Blockfahne steckten, waren nun umsonst. Einige entschlossen sich daraufhin, zu diversen Pyromaterialien zu greifen. Das war allerdings keine explizite Racheaktion des Inferno Cottbus, sondern eher eine spontane Reaktion von wenigen Leuten.

    Das Spiel musste unterbrochen werden und es wurden zwei Leute aus dem Block gezogen, aber es gab dafür kein einziges Stadionverbot. Schon am nächsten Morgen stand in der Zeitung, dass das Inferno Cottbus ’99 offiziell vom Verein verboten wurde.

    Trotz des Verbots entschied sich ein Teil weiter zu machen, andere gründeten Ultima Raka. Das Tragen von Inferno-Kleidung, sowie das Aufhängen Eures Banners war fortan verboten. Wie lebt es sich als Vereinsfeind Nummer eins?

    Zunächst mal stand es in keinem Moment zur Debatte, die Gruppe aufzulösen. Ultima Raka gründete sich erst eineinhalb Jahre nach dem Verbot des Inferno Cottbus. Vom zahlreich vertretenen Eventpublikum im Stadion wurden wir natürlich geächtet, die Hintergründe dieser Aktion kannten diese Leute nämlich nicht. Man verhandelte mit dem Verein nach dem Verbot auch über mögliche Wege der Legalisierung des Infernos, aber das war an untragbare Bedingungen geknüpft. Wir hätten beispielsweise eine Namensliste abgeben sollen, was für uns allerdings ein untragbarer Zustand gewesen wäre.

    Natürlich versuchten Verein und Polizei uns fortan weitere Steine in den Weg zu legen. Auf der Fahrt nach Ahlen, 400 Kilometer vor dem Stadion geriet eine Einzelperson der Besatzung unseres Kleinbusses in ein Handgemenge. Und obwohl das vermeintliche Opfer aussagte, dass es sich definitiv um Fans von Hansa Rostock handelte, bekamen alle neun Insassen des Kleinbusses Stadionverbot von Energie Cottbus. Begründung: Vereinsschädigendes Verhalten!

    Wie bereits erwähnt, entstand Ultima Raka als zweite große Ultragruppierung aus dem Inferno. Wie kam es dazu, dass Ultima Raka (UR) und das IC heute so zerstritten sind? Immerhin standet Ihr ja früher mit einem Teil dieser Leute gemeinsam im Block und wart in einer Gruppe.

    Ultima Raka wurde zunächst hauptsächlich deswegen gegründet, um wieder Choreographien im Stadion machen zu können. Viele waren beim IC und Ultima Raka gleichzeitig Mitglied. Leider kamen aber zu viele Neue dazu, die für persönliche Konflikte sorgten. Letztendlich war die komplette Spaltung ein langer Weg mit vielen Enttäuschungen. Nach den willkürlichen Stadionverboten in Folge der Fahrt nach Ahlen, war ein Stimmungsboykott angedacht. Weite Teile von Ultima Raka wollten sich im Zuge dessen allerdings nicht mit dem Inferno solidarisieren. Als es für das Commando Cannstatt (Anm.d.Red.: VfB Stuttgart) unberechtigte Stadionverbote hagelte, machte UR in Duisburg plötzliche eine Spruchbandaktion dazu. Da kamen wir uns doch ziemlich verarscht vor.

    Ein weiteres gutes Beispiel ist die geplante Doppelhalter-Choreo gegen unseren ehemaligen Trainer Eduard Geyer. Im Vorfeld der Aktion sagte uns Ultima Raka die Unterstützung dafür zu und am Ende haben sie es geschafft, einen Doppelhalter zu zeigen. Absolut enttäuschend und so kam es dazu, dass man sich immer weiter entfernte.

    Mit ‚JUIT 9*3’ hatte das IC mal eine Nachwuchsgruppierung, was ist daraus geworden?

    Die Gruppe gibt es noch, allerdings nehmen wir kaum noch Einfluss auf sie. Wir wollen uns in dieser schwierigen Zeit auf uns konzentrieren. Was in der Zukunft passiert, ist noch nicht abzuschätzen, ‚JUIT 9*3’ ist eine eigenständige Gruppe. Da sie mit dem ‚9*3’ allerdings die Initialen des Inferno Cottbus tragen, werden wir ihnen bei extremen Verfehlungen ein wenig auf die Finger klopfen.

    Zuletzt bezog Ultima Raka nach mehreren Übergriffen auf sie durch Mitglieder der Eastside Warriors Stellung. Stimmt es, dass Euch die ESW sehr nahe stehen und hauptsächlich aus Mitgliedern der ehemaligen Nachwuchsgruppierung ‚JUIT 9*3’ besteht?

    Die Eastside Warriors sind seit eh und je eine eigenständige Gruppe. Dass es Kontakte zu ‚JUIT 9*3’ und teilweise auch zu uns gibt, ist richtig. Dabei handelt es sich allerdings um Einzelpersonen, man kann nicht davon sprechen, dass die Eastside Warriors dem Inferno Cottbus nahe stehen. Dass Ultima Raka mit der Gruppe Ärger hat, ist deren eigene Schuld und letztendlich nicht unser Problem.

    Wie ist die Cottbusser Fanszene Eurer Meinung nach aufgestellt? Bestehen gewachsene Hierarchien, besteht grundsätzlich Einigkeit oder eine Art Konsens, mit dem sich alle arrangieren können?

    Das gibt es in der Fanszene kaum, was vor allem an dem schnellen sportlichen Aufstieg des Vereins liegt. Die Fanszene hatte kaum die Chance sich zu finden, von Liga drei in das Oberhaus des deutschen Fußballs ging es einfach zu schnell. Die Fanszene hatte so nicht die Gelegenheit, sich zu entwickeln, da viel zu schnell viel zu viele Erfolgsfans die Tribünen des Stadion der Freundschaft belagerten. Somit kann man auch kaum von Hierarchien sprechen.

    Wie ist die Akzeptanz Eurer Gruppe in der Fanszene nach dem Verbot? Geltet ihr, wie beim Verein, als Staatsfeind Nummer eins oder seid Ihr akzeptiert?

    In der alteingesessenen Fanszene sind wir größtenteils akzeptiert, allerdings umfasst dieser Personenkreis auch nicht viele Menschen. Wir sprechen hier von ca. 100 Leuten. Wenn es irgendwann wieder so weit ist, dass alle Stadionverbote abgelaufen sind oder ausgesetzt werden, wird das Inferno Cottbus wieder die stärkste Gruppe innerhalb der Fanszene stellen, auch vom Respekt und dem Einfluss.

    Versteht Ihr Euch noch als Ultragruppierung oder habt Ihr Euch seit dem Verbot vom Auftreten und der Struktur eher zum Fanklub gewandelt?

    Aus unserem Selbstverständnis heraus waren wir nie Ultras, sondern eher extreme Energiefans. Natürlich passen wir mit unserem Auftreten und unseren Aktionen recht gut in die Schublade ‚Ultra’. Es verbietet sich aber allein schon deshalb uns Ultras zu nennen, weil wir der Meinung sind, dass diese Art von Kultur in Deutschland oft nur halbherzig gelebt wird und sich mittlerweile fast jeder 15-Jährige in Jogginghosen so schimpft. Man schaue sich allein mal Ultima Raka an. Für den begriff Ultras sind die einfach zu weich. Da gehen viele erst seit zwei Jahren zu Energie und wollen sich schon zum großen Einpeitscher der Kurve aufschwingen. So was muss man sich verdienen, dazu macht man sich nicht einfach selbst. Dazu kommt, dass UR auf der Straße einfach viel zu kleinlaut agiert, das hat mit unserer Auffassung von Ultra absolut nichts zu tun.

    Sie lassen ja auch kaum eine Gelegenheit aus, sich gegenüber dem Verein als die vorbildliche Fangruppe zu positionieren und sich von unseren Aktionen zu distanzieren. Für uns war das jedes Mal ein Schlag ins Gesicht und mittlerweile sagt man sich im besten Fall noch „Hallo“. Die Zahl der korrekten Leute dort ist sehr überschaubar.

    Euch haftet spätestens seit der „Ihr seid Ade - wir sind weiß“-Aktion in Leipzig ein rechtes Image an, was von den Medien nicht nur gerne aufgegriffen, sondern oft auch deutlich überspitzt dargestellt wird. Wie sieht diesbezüglich die Realität aus?

    Diese Aktion hatte keinen politischen Hintergrund, da wurde wieder viel zu viel reininterpretiert. Letztendlich wollten wir damit nur den Gegner provozieren, der sich ja immerhin zu einem Spieler bekannte, der in Halle den Hitlergruß zeigte. Für uns gehört Pöbeln zum Fußball dazu, für die Politik soll unser Sport allerdings nicht die Bühne sein. Man kann nicht sagen, dass wir als Gruppe dem rechten Spektrum zuzuordnen sind, das in keinem Fall. Natürlich hat jedes Mitglied seine eigene Meinung, aber die hat ja mit dem Gruppenbild nur sehr wenig zu tun.

    Die Zeitschrift ‚RUND’ schrieb mal, dass Ihr einen Fanbetreuer Eures Vereins mittels Flugblattaktion aus dem Verein gemobbt haben sollt. Angeblich soll er in seinem früheren Leben mal mit Drogen gedealt haben. Was ist dran an der Geschichte?

    Ja, diese Aktion gab es tatsächlich, wer dafür verantwortlich war, ist uns allerdings nicht bekannt. Fakt ist auch, dass die Vorwürfe gegen ihn wirklich stimmten. Er verkaufte in seiner Vergangenheit Drogen an Minderjährige und disqualifizierte sich damit für die pädagogische Arbeit mit Jugendlichen.

    Ihr pflegt Kontakte zum Wuhlesyndikat (Union Berlin) und dem Commando Cannstatt (VfB Stuttgart). Wie intensiv lebt ihr diese Freundschaften und wie sind sie entstanden?

    Von einer Freundschaft zu sprechen, wäre mit Sicherheit übertrieben, denn im Fall von Union sind beide Fanszenen traditionell verfeindet. Dennoch bestehen die besseren Kontakte zum Wuhlesyndikat, seit dem das Commando Cannstatt (CC) einen Generationswechsel vollzog. Zur alten Riege des CC pflegen wir schon noch eine Freundschaft, aber da sind eben weite Teile weg gebrochen, bzw. kaum noch aktiv. Ultima Raka pflegt eben eher die Kontakte zur neuen Generation und das mit Sicherheit auch intensiver als wir.

    Viele hatten gehofft, dass die Repression nach dem Hype um die WM 2006 wieder abnimmt. Es kam anders, in Sachsen wurde erst kürzlich beschlossen, Fans mit Drohnen zu überwachen und die Überwachungstechnik der Polizei deutlich aufzurüsten. Stasi 2.0-Fahnen tauchten zuletzt vermehrt in Stadien auf. Wie seht Ihr diese Entwicklung?

    Generell wird es immer schlimmer, daran konnte auch das Ende des WM-Hypes nichts ändern. Aktionen wie unser Besuch beim Auswärtsspiel der zweiten Mannschaft von Energie Cottbus in Auerbach (Anm.d.Red.: damals stürmten 47 Cottbusser den Gästeblock und das Spielfeld) würden heutzutage viel höhere Wellen schlagen. Verband, Polizei und Vereine werden die Repressionsschraube so lange fester anziehen, bis die aktive Fankultur komplett tot ist. Früher oder später werden wir in Deutschland Verhältnisse wie in England oder Spanien haben.

    Man muss zugeben, dass der Einsatz von SKBs (Anm.d.Red.: Szenekundige Beamte) hinsichtlich der Zerstörung der Cottbusser Fanszene schon Wirkung zeigte. Aber auch Besuche von Beamten bei der eigenen Arbeitsstelle oder sogar am Arbeitsplatz der Eltern verfehlten ihre Wirkung nicht. So hat eines unserer Mitglieder in Folge dieser Besuche sogar seinen Job bei einer Bank verloren. Ab dem Punkt wird es dann natürlich richtig bitter. Aber auch Stadtverbote und Meldeauflagen sind nicht ohne.

    Deutschlands Fanszenen haben sich in den letzten Jahren deutlich entwickelt. Welchen Gruppen oder Szenen seht ihr in Deutschland ganz vorne?

    Wir würden eher sagen, dass es von der Mentalität und dem Auftreten eine Rückentwicklung in Deutschland gab. Den meisten Respekt hat sich in unseren Augen Rostock erarbeitet, ihr Auftreten entspricht noch am ehesten dem, was wir unter Ultra verstehen. Sie haben, ähnlich wie das Inferno Cottbus, nie vor dem Verein gekuscht und ihr Ding einfach durchgezogen. Dazu kommt, dass sie die wildesten Touren mit dem Wochenendticket in einer Mannstärke fahren, die ihres Gleichen sucht.

    Eine sehr kleine Szene ist die von Vorwärts Frankfurt/Oder (Anm.d.Red.: heute FFC Viktoria 91), sie verdient aber dennoch Anerkennung, da dort das Zusammenspiel von jung und alt sehr gut funktioniert und sie sich auch deutlich größeren Szenen stellen. Ähnlich verhält es sich bei Waldhof Mannheim, die ja nun schon seit Jahren nur noch viertklassig sind. Dennoch steckt in der Szene sehr viel Potential und das zeigen sie auch hin und wieder mal. Auch ihr Kampf gegen die Fusion mit dem VfR Mannheim war respektabel.

    Wie realistisch ist es, dass das Inferno Cottbus irgendwann wieder eine legale Gruppe ist und wollt Ihr das überhaupt je wieder sein? Viele gefallen sich ja in der Rolle des verhassten Märtyrers.

    Über eine Rückkehr des Inferno Cottbus wurde nicht nur ein Mal mit dem Verein verhandelt. Wir hatten sogar einen Maßnahmenkatalog erstellt, auf den von der Vereinsführung allerdings keine Reaktion kam. Mittlerweile ist das Tuch dermaßen zerschnitten, dass wir keine Kompromisse mehr eingehen wollen und uns damit abgefunden haben, dass es für das Inferno Cottbus keine Legalisierung mehr geben wird.

    Vielen Dank für das Interview und alles Gute im Kampf gegen die Zurückdrängung der aktiven Fankultur.

    Geschrieben von:  yeti

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